
Es sind Zeiten der Politikverdrossenheit, Zeiten falscher Erwartungshaltungen gegenüber politischen Institutionen, Zeiten eines schwindenden Gemeinschaftsgefühls innerhalb der EU, in denen 165 Schüler aus 24 europäischen Staaten zusammenkommen und den Europagedanken neu aufblühen lassen.
Es ist Sonntag, der 30.10. , 3.30 Uhr. Mein Wecker klingelt.
Die Welt schläft noch als ich mit quietschenden Kofferrollen die nächtliche Stille durchbreche und mich auf den Weg zum Flughafen mache. Reiseziel: Skopje, eine Stadt, dessen Namen ich zuvor noch nie in Verbindung mit Mazedonien gebracht habe.
600 000 Einwohner, Hauptstadt von Mazedonien, größte Stadt des Landes, viel mehr konnten mir Wikipedia und mein Kurzzeitgedächtnis nicht auf den Weg geben. Es ist eine Reise ins Ungewisse, die ich an jenem Morgen antrete, eine Reise, die ich jedoch mit neun weiteren Schülern aus ganz Deutschland nicht alleine bestreiten muss. Denn anders als in den Jahren zuvor, kann Deutschland dieses Mal 10 Schüler nach Mazedonien schicken, wovon fünf ihr eigenes Land vertreten und fünf die tschechische Republik. Fast alle treffe ich in Wien, von wo aus wir gemeinsam nach Skopje weiterfliegen. Bereits am Gate schließen wir erste Bekanntschaften mit den Delegationen aus Italien und Österreich. Unser Schulenglisch wird ausgepackt, die Vorfreude steigt.
In Skopje selbst angekommen werden wir zur ausrichtenden American International School „NOVA“ gefahren, wo unsere Gastfamilien auf uns warten. Zum ersten Mal dürfen wir Zeuge der mazedonischen Mentalität werden, die sich durch eine außergewöhnliche Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit auszeichnet und welche viele positive Erinnerungen hinterlassen und zu der ein oder anderen Träne führen wird.
Der nächste Tag bricht an. Während meine Freunde in Deutschland wohl gerade auf dem Weg zur Schule sind, richte ich den Kragen meiner Bluse, streiche die Falten aus meiner Anzugshose und werfe einen letzten Blick in den Spiegel: Der Kapuzenpulli ist einem Jackett gewichen, das Schülerleben abgelegt. Spätestens jetzt bin ich in einer neuen Woche MEP angekommen.
Die Eröffnungszeremonie findet in der Congress Hall der mazedonischen Regierung statt, wo unter anderem auch der Bürgermeister persönlich ein Grußwort hält. Es folgen unzählige Ländervorstellungen; ein geografischer, kultureller und politischer Kurztrip durch ganz Europa.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen verbringen wir den Nachmittag in unseren Ausschüssen. Nach kurzen Kennenlernrunden wird die Stadt erkundet. Besonders die ca. 24 m hohe Bronzeabbildung von Alexander dem Großen imponiert den europäischen Schülern. Sie wird nicht nur als Profilbildhintergrund fungieren sondern auch als Ort der Gemeinschaft, der über die nächsten Tage hinweg immer wieder alle Delegierte zusammenführen wird.
Wie der DIENSTag bereits ankündigt, trete ich am Morgen ca. acht Stunden Resolutionsarbeit entgegen. Während ich mich in den Tiefen der Eurokrise verliere, diskutieren die anderen Ausschüsse über Medienfreiheit, Nationalismus, Klimawandel, Emissionshandel, Freizügigkeit der Arbeitskräfte, Außendarstellung der EU, Bildungssysteme, Parität der Geschlechter und Entwicklungspolitik. Unterlegt wurden die Themen durch passende Tagungsorte, wie dem Finanzministerium, dem Verteidigungsministerium, Stopanska Bank und dem Sekretariat für europäische Angelegenheiten.
Nach einem anstrengenden Tag folgt die deutsche Delegation der Einlandung der deutschen Botschaft. Zusammen mit zwei Mitarbeitern der deutschen Botschaft dürfen wir am Abend gemeinsam in den Genuss der traditionellen mazedonischen Küche kommen.
Auch der Mittwoch lässt weder Zeit zum Ausschlafen, noch zum Energietanken. Die Zeit drängt, denn die Resolutionen müssen bereits am Nachmittag eingereicht werden. Auch an diesem Abend unternimmt die deutsche Delegation etwas gemeinsam. Nach einem mexikanischen Essen geht es weiter zu einer von den mazedonischen Schülern organisierte Feier. Von jetzt auf gleich werden wir in die Kultur hineingeworfen. Während im Hintergrund mazedonische Lieder live performt werden, tanzen sie um mich herum einen traditionellen Volkstanz. Jemand greift meine Hände und auch ich gerate in den Sog der Euphorie und der Freude. Und in diesem Moment geht es nicht um den richtigen Tanzschritt, die richtige Ausdrucksweise oder die beste Rede, es geht um Menschlichkeit, Spaß und das Gemeinschaftsgefühl. Es sind genau diese Momente, an die wir uns zurückerinnern, die uns im Gedächtnis bleiben.
Doch die Reise soll noch weitergehen. Am Donnerstag erreichen wir nach einer circa dreistündigen Busfahrt die Weltkulturerbestadt Ohrid am Ohridsee. Alle 165 Schüler erkunden die wunderschöne Altstadt, die Kirchen und Moscheen und die Festung, von welcher man einen atemberaubenden Blick auf die gesamte Landschaft und das angrenzende Wasser hat. Gemeinsam mit unserer Delegation genießen wir die Ruhe am See bei einem kleinen Mittagessen bevor wir uns dem MEP-Stress wieder beim Lobbying in einem Hotel zuwenden müssen. Einige versuchen ihre Resolution möglichst überzeugend zu präsentieren, während andere derweil hektisch durch den Saal laufen und nach Unterstützung für Textänderungsanträge suchen, ein nervlicher Drahtseilakt für alle Anwesenden. Selbst auf der Rückfahrt werden zwischen schlummernden Delegierten hitzige Diskussion weitergeführt.
Nach einer kurzen Nacht voller Internetrecherchen, Redeentwürfen und regem E-mail-Verkehr steht uns allen nun zwei Tage Plenarversammlung bevor. Die Resolutionen werden von der einen Seite stark angegriffen, von der anderen gut verteidigt, sodass letztendlich sechs von zehn Resolutionen angenommen werden. Doch geht es auch in dieser Situation nicht darum die größte Zustimmung zu erlangen, sondern um eine intensive Auseinandersetzung mit dem Ausschussthema, um die Bereitschaft Kompromisse einzugehen und um ein einheitliches, gestärktes Auftreten gegenüber dem Plenum.
Es ist allein hochinteressant zu beobachten, wie 24 länderspezifische Meinungen, 24 europäische Sichtweisen unter einem Dach aufeinanderprallen.
Als am Samstag Nachmittag das MEP für beendet erklärt wird, fließen bereits die ersten Tränen. Der Abschied naht und wir sind uns alle einig, dass die vergangene Woche viel zu schnell an uns vorübergezogen ist. Erst jetzt beginnen wir allmählich zu realisieren, was wir die letzten Tage erleben durften.
Die letzten gemeinsamen Stunden verbringen wir auf der Abschiedsparty. Es wird getanzt, gelacht und jede Menge Erinnerungsfotos geschossen.
Es sind Menschen, die ich meine Freunde nennen kann, welche ich jetzt hinter mir lassen muss.
Menschen, mit denen ich bleibende Erinnerungen teilen darf.
Menschen, die mir Europa nicht nur politisch sondern vor allem persönlich näher gebracht haben.
Mit 13 Stunden Verspätung des Fluges trennen sich dann auch in Wien die Wege unserer Delegation. Jeder fliegt in einer anderen Richtung dem Alltags- und Schulleben wieder entgegen.
Was bleibt sind Erinnerungen, Freundschaften und definitiv ein Europagefühl.
von Antonia Maurer